Eiterpickel Hochbegabung

Es gibt im Hinblick auf Hochbegabung ganz grob sortiert zwei Sorten von Eltern und zwei Sorten von Kindern: Die Eltern, die denken ihr Kind sei begabt oder auch hochbegabt und die Eltern, die das nicht denken. Und die Kinder, die begabt oder hochbegabt sind, und die, die es eben nicht sind. Daraus resultieren vier Konstellationen: Eltern mit hochbegabten Kindern, die auch denken (oder vielleicht sogar wissen), dass die Kinder hochbegabt sind, Eltern mit normalbegabten Kindern, die auch denken, dass ihre Kinder normalbegabt sind, und zwei Typen, auf die ich hier näher eingehen möchte: Eltern von normalbegabten Kindern, die denken, ihr Kind sei hochbegabt, und Eltern von hochbegabten Kindern, die ihr Kind für "völlig normal" halten.

Diese Fehleinschätzungen haben leider Konsequenzen.

 

Liebe Eltern, die ihr Kind für begabt halten.

 

Euer Kind ist wunderbar. Es ist eine einzigartige Persönlichkeit, ein Produkt Eurer elterlichen Liebe und Erziehung. Und es ist nicht überdurchschnittlich intelligent. Überlegt Euch, was Eure Erwartungshaltung auch unausgesprochen für Euer Kind bedeutet: Um Euren Ansprüchen gerecht zu werden, nimmt es Übungsstunden in Kauf, Unverständnis der Lehrkäfte und Leistungsdruck. Kinder, die sehr gut in der Schule sind und auch Kinder, die sich in der Schule langweilen, sind nicht unbedingt hochbegabt. Auch Unerzogenheit ist kein Indiz für eine Hochbegabung und Begabung ist keine Ausrede für mangelndes Sozialverhalten.

Immer wieder höre ich von Lehrkräften, dass sie nach Aussage der Eltern 70% hochbegabter Kinder in ihren Klassen hätten. Diese Einschätzung kann stimmen, die Tatsache nicht (es sei denn es handelt sich um eine Schule mit Hochbegabtenzweig).

 

Liebe Eltern, IQ-Tests aus dem Internet taugen nichts. Sie geben einen Eindruck von der Art der Aufgabenstellung, mehr aber auch nicht. Wenn Ihr wirklich wissen wollt, ob Euer Kind hochbegabt ist, geht zu einem spezialisierten Psychologen. Die gibt es beispielsweise beim schulpsychologischen Dienst, bei der örtlichen Begabtenförderung oder an privaten Instituten. Hier bekommt Ihr ein Gutachten, auf dessen Ergebnis Ihr Euch wohl am besten verlassen könnt und in dem das Intelligenzprofil Eures Kindes enthalten ist. Und - macht Euer Kind nicht schlechter als es ist. Es gibt neben der kognitiven Intelligenz noch viele andere Intelligenzen, die im täglichen Leben zu tollen Leistungen befähigen. Und jedes Kind hat irgendwo seine Stärken, die mit Gewalt nicht herauszubekommen sind. Sind die Leistungen schlechter als von Euch erwartet, ist Euer Kind nicht gleich ein hochbegabter Underachiever. Häufig liegt irgendwo auf der Beziehungsebene etwas im Argen, was mit der Intelligenz Eures Kindes nichts zu tun hat. Euer Engagement in allen Ehren, aber ihr macht damit nicht nur Eurem Kind und den Lehrkräften das Leben schwer, sondern auch den

 

Elter, die "bestimmt kein hochbegabtes Kind" haben.

 

Liebe Eltern, die "bestimmt kein hochbegabtes Kind" haben.

Im Gegensatz zu den Eltern im oberen Abschnitt, neigt Ihr dazu, außergewöhnliche Fähigkeiten Eures Kindes als "normal" abzutun. Ihr gesteht zwar zu, dass Euer Kind "nicht dumm" ist - nur habt Ihr keinen Überblick darüber, was andere, durchschnittlich begabte Kinder in dem Alter leisten und leisten können. Es gibt keine "typischen" hochbegabten Kinder. Die einen können mit 3 Jahren lesen und mit 4 Jahren im Zahlenraum bis Unendlich rechnen. Andere können mit 8 noch nicht lesen, weil Vorlesen ja viel angenehmer ist. Und dann gibt es noch die Kinder mit den blitzgescheiten Kommentaren und der Lese-Rechtschreib-Schwäche - über Doppeldiagnosen werde ich ein andermal ausführlicher schreiben. Liebe Eltern - Euer Kind ist wunderbar. Es ist eine einzigartige Persönlichkeit, ein Produkt Eurer elterlichen Liebe und Erziehung.

 

Wenn Euch jemand auf die Fähigkeiten Eures Kindes anspricht - glaubt es. Wartet mit einer Förderung oder Diagnostik nicht, bis Euer Kind anfängt, sich selbst und seine Stellung in der Welt in Frage zu stellen. Wartet nicht, bis es absichtlich langsamer arbeitet oder absichtlich schlechtere Noten schreibt, um nicht mehr aufzufallen. Oder bis es im Unterricht vor Langeweile nicht mehr mitmacht. Bis es Schlafstörungen, Bauchschmerzen, oder sogar Depressionen bekommt. Bis es anfängt an den Nägeln zu beißen oder sich selbst Blutergüsse zufügt. Gesteht Eurem Kind diese Besonderheit zu. Es geht nicht um ein Gutachten oder darum, dass ihr nachweisen könnt, dass Euer Kind so toll ist.

 

Hochbegabung scheint bei vielen betroffenen Eltern eine Art "Eiterpickel" zu sein, sie wollen alles, nur nicht zu dieser Gruppe gehören - auch nicht als Eltern. Was ist daran so schlimm? In dem Moment, in dem Ihr dieses Puzzleteil Eures Kindes an der richtigen Stelle einsetzt, entsteht plötzlich ein Bild. Manche Bilder sind schön, manche bringen uns zum Nachdenken. Wenn ihr wisst, WARUM das Bild anders plötzlich stimmig wird, dann könnt Ihr das Bild anpassen. Ganz heimlich, still und leise. Ja, es kann sein, dass Euer Kind dann (noch mehr?) auffällt. Es kann sein, dass es dann richtig "loslegt". Es kann sein, dass es dann plötzlich sozial verträglich wird oder dass es wieder durchschläft oder dass es plötzlich Freunde bekommt oder, oder, oder. Es kann sein, dass Euer Kind sich dann plötzlich frei entwickeln kann. Wenn eine heimliche Anpassung nicht ausreicht, könnt Ihr ganz gezielt Personen ins Vertrauen ziehen, die Euch bei der Anpassung helfen können. Lehrkräfte oder Institute, Vereine, Freunde.

 

Eine Mutter sagte mal zu mir "ich will mein Kind nicht in diese Hochbegabten-Ecke stellen". Eure Kinder stehen da, wo sie stehen. Ihr entscheidet, ob sich der Platz um eine Ecke handelt, oder ob ihr ihn zu einem Feld macht, auf dem Euer Kind spielen kann.

 

Eure *eva

 

 

PS. Der Begriff "hochbegabt" ist wissenschaftlich durch einen IQ von 130+ definiert. Tatsächlich treten die typischen Verhaltensweisen, Denkstrukturen und Herausforderungen auch schon deutlich früher auf, also bei Personen mit einer "überdurchschnittlichen Intelligenz" ab IQ 120+.