Hochbegabung - das seltene Phänomen?

Bei dem Thema Hochbegabung kommt wohl oft erst einmal der Gedanke, dass das "total selten" sei. Denn in der Geschichte der Menschheit sind uns nur relativ wenige Persönlichkeiten bekannt, die "eindeutig wahrscheinlich" hochbegabt waren. Getestet wurden sie meist nicht, und das spielt auch kein große Rolle.
 

Laut statistischem Bundesamt gab es im Schuljahr 2016/2017 in Deutschland 8 368 867 SchülerInnen an allgemeinbildenden Schulen. Per Definition sind davon 2,3% hochbegabt, also für das Schuljahr 2016/2017 etwa 192 484 Kinder und Jugendliche. An einer durchschnittlichen vierzügigen Schule sind im Schnitt zwei Kinder pro Jahrgang hochbegabt. Dazu kommen noch die Kinder, die "überdurchschnittlich begabt" sind, also in einem in Deutschland üblichen IQ-Test Ergebnisse von 120 und darüber erzielen. Dann sind es 721 436 und etwa 12 Kinder pro Jahrgang einer durchschnittlichen vierzügigen Schule. Hätten Sie das geahnt?

 

Was die Entdeckung einer Hochbegabung im Alltag so schwierig macht, sind die Vorurteile darüber, wie Hochbegabte sind und was sie angeblich alles können. Wir haben ein Bild von Albert Einstein oder Marie Curie in unseren Köpfen, als hätten diese ihre großartigen Leistungen alle schon im Kindesalter erbracht. Dem ist nicht so. Hochintelligenz zeigt sich nicht immer und schon gar nicht, indem die Kinder und Jugendlichen mit Brille durch die Welt laufen und fehlerfrei Lexika zitieren. Sie zeigt sich eher versteckt in Witzen, die gleichaltrige Kinder kaum verstehen oder in fachlichen Interessen, die eigentlich in eine ganz andere Altergruppe gehören. Begabte Kinder, die von einem Thema fasziniert sind, lesen oft sehr viel über dieses Thema und kennen sich sehr gut aus. Andere begabte Kinder machen sich Gedanken über philosophische Fragen oder sorgen sich um den Weltfrieden oder die globale Erwärmung.

 

Bei 12 Kindern pro Jahrgangsstufe lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu hören. Hat das Kind ungewöhnliche Einfälle? Macht es sich Gedanken über Themen, die in dem Alter eigentlich noch nicht "en vogue" sind? Hat es einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn? Kann es komplexe Zusammenhänge schneller verstehen als einfache? Ist es öfter träumend unterwegs und hat trotzdem alles aus dem Umfeld wahrgenommen? Wenn Eltern, Erzieher und Lehrkräfte sich für solche Fragen sensibilisieren und aufmerksam durch das Leben gehen, lassen sich in vielen Kindern wunderbare Fähigkeiten und Begabungen entdecken.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Tag mit vielen Entdeckungen!

Eva Kippenberg

 

 

ps. Eine Hochbegabung lässt sich mit Sicherheit nur über ein psychologisches Testverfahren feststellen. Eine gute Beobachtung kann aber wertvolle Hinweise liefern, mit Hilfe derer jedes Kind optimal in der Entwicklung unterstützt werden kann.